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Leyla Zana

STAATSFEINDIN NR.1

EIN PORTRÄT VON LEYLA ZANA

 

Die Geschichte kam

und verglich ihre Größe

mit der Größe deines leides.

Dein leid war ein paar Fingerbreit größer.

Als das Meer seine Tiefe mit der Tiefe

deiner Wunden vergleichen wollte,

schrie es aus Angst,

darin zu ertrinken.

(Sherko Bekas,"Der Vergleich")

 

Im März 1994 gingen die Fernsehbilder um die Welt: Leyla Zanas Immunität als Abgeordnete der "Großen Türkischen Nationalversammlung" wurde aufgehoben.Demonstrativer Beifall beschlipster Bartträger,stehender Stakkato-Klatschmarsch einer zu allem fähigen Mehrheit,die sich selbst und ihren schwerwiegenden Beschluß,der den Tod der kurdischen Abgeordneten einkalkulierte, feierte.Männergesellschaft plus Ministerpräsidentin Tansu Ciller,die sich danach rühmte, "Terroristen" aus dem Parlament "gejagt" zu haben, und doch international nur die Frage nach dem inneren Zustand der Türkei provozierte.

"Kurdische Pasionaria" wird Leyla Zana in Anlehnung an Dolores Ibarruri genannt:zwei Leidenschaftliche aus dem Baskenland und aus Kurdistan."Ich war die einzige kurdische Frau im Parlament.Ich habe mich geweigert,mich mit der Rolle als Dekoration zufriedenzugeben,und habe mich entschieden,im Parlament offen über die Probleme und Leiden der Bevölkerung zu sprechen,auch über solche tabusierte Themen wie die Zerstörung der kurdischen Heimat durch die Armee, die Zwangsumsiedlung der Bevölkerung, die Ermordung von Demokraten durch Todesschwadrone.Die Generäle beschlossen, mich zu bestrafen.Es ist der übliche Befehl:Schweig,Frau!"

Leyla Zana wusste um das Risiko.Seit längerer Zeit lief das Ermittlungsverfahren.Es hätte Möglichkeiten gegeben zu entkommen.Auch hätte sie einfach in Paris bleiben können, wo sie noch kurz zuvor medizinisch behandelt worden war.Sie tat es nicht und ging zurück.Schließlich sei sie vom Volk gewählt worden."Ich werde das Leid auf mich nehmen."

Draußen vor dem Parlamentsgebäude warteten bereits die Herren mit den gesichtslosen Gesichtern,griffen sich ihre Beute, zerrten sie in verbeulte Autos, preschten davon und hinterließen einige Dutzend ob der handfesten polizeilichen Aggressivität verblüffte Journalisten. Ziel:das Zentralgefängnis.Man sperrte Leyla "in eine Art Kerker", der total verschmutzt war.

Während der herbstlichen Prozessmonate, die sich bis in den Winter hineinzogen, wirkte die Abgeordnete zwar unerschroken und selbstbewußt, aber auch blasser und müder. Kreislauf und eine schwere Blutkrankheit machten ihr zu schaffen, Folgen von wochenlangen schweren Folterungen im Sommer 1988:"Auf der Polizeiwache schlug man mich nieder.Sie warfen sich auf mich und zogen mich aus.Ich fiel in Ohnmacht.Als ich erwachte,lag ich in einem Becken mit eiskaltem Wasser.Ich wurde wieder geschlagen. Schließlich warfen sie mich in eine Zelle,gerade einen Meter hoch und vieleicht 30 Zentimeter breit.Die ersten 48 Stunden gaben sie mir keinen Tropfen Wasser. Immer wieder wurde ich traktiert."Zu der Zeit war sie bereits vielgehaßt bei der Staatsgewalt, die später bei militärischen Schießübungen Zielscheiben mit Leylas Porträt aufstellen ließ.

Am 8.Dezember 1994 wurden die Freiheitskämpferin und vier ihrer Kollegen vom Staatsschutzgericht in Ankara zwar nicht wie gefordert zum Tode verurteilt,aber doch zu 15 Jahren Gefängnis-eine unvorstellbar lange Zeit.Die schriftliche Begründung bezeichnete die Verurteilten als "Terroristen der PKK".Im Urteil hieß es,Leyla Zana habe "intensive seperatistische Tätigkeit ausgeübt und die Massen aufgehetzt".Von ausländischen Beobachterinnen wurde das Verfahren als "klassischer Gesinnungsprozess" und "juristische Farce" bewertet. danach schrieb die ungebrochene Leyla:"Meine Kerkermeister können meinen Körper einsperren,aber meine Gedanken kennen keine Gitter,keine Verbote,keine Grenzen."

In dem Dorf Bahceköyü,wo sie 1961 geboren wurde, galt das weibliche Geschlecht wenig und hatte sich bedeckt zu halten.Der Islam durchwirkte alle Lebensbereiche."Demnach war es verboten,daß eine Frau sich mit dem Mann zusammen setzt oder ihr Haar offen trägt."Die Religion wurde dazu benutzt, die Frauen von den schönen Seiten des Lebens fernzuhalten, meinte Leyla und erzählte von einem Verwandten ihres Vaters:"Immer wenn deren Mutter ein Mädchen gebar,sagte sie:zum Teufel mit dem Kind! Sie betrachtete Mädchen als Last."Fünfmal geflucht,dann kam endlich ein Bruder, dessen dominante Rolle durch sein Geschlecht vorbestimmt war.

"Dem Jungen wurde immer wieder gesagt,daß er alles machen kann,daß er Stark sein muß, daß er die Fähigkeiten hat, etwas zu erreichen.Ihm wurde also Selbstbewusstsein beigebracht.Dem Mädchen das Gegenteil:Sie sei zu nichts fähig,sie müsse vor der Außenwelt beschützt und verborgen werden.Sie sei schwach und könne überhaupt nichts. Sicherheit und Persönlichkeitsentwicklung hatten so kaum eine Chance."

Auch für Leyla schienen die familiären Ausgangsbedingungen alles andere als günstig: "Ich kann nicht behaupten,daß ich in einem freien Familienumfeld aufgewachsen bin. Meine Mutter stand sehr stark unter dem Pantoffel meines Vaters.Der war recht feudal eingestellt.Wir sahen die Unterdrückung alltäglich,denn er handelte nach dem Motto:Die Frau darf nicht reden und hat keine Rechte.Und meine Mutter hat sich dem gebeugt und war mit der Rolle einer Nichtsprecherin einverstanden."Wie reagieren Mädchen?Das fürchterliche ist eigendlich,daß sie die Rolle des Jungen als Mächtigerer,Besserer akzeptiert haben."

In Kurdistan wachsen aus grasgrünen Weiten mächtige Berge mit schneeweißen Dauerkuppen.Ein chaotisch zerklüftetes Gebiet,wunderschön kratzbürstig,aber arm an Infrastruktur.Keine Schule weit und breit."Ich ging zum Unterricht in ein Nachbardorf. Ein Jahr lang,dann durfte ich nicht mehr.Verwandte hatten meinen Vater bearbeitet.Sie verstanden einfach nicht,warum Mädchen etwas lernen sollten."

Leyla war nie pflegeleicht und probte schon damals den Aufstand."Nach dem Islam ist es zum Beispiel verboten,daß die Frau mit offenem Haar herumläuft.Das bringt sie in die Hölle.Ich konnte das nicht akzeptieren und habe vor meiner Hochzeit nie ein Kopftuch getragen.Und auch danach band ich es nur für kurze Zeit um:Als ich es abwarf,gab es einen großen Tumult.Jeder sagte:Das Mädchen ist aus der Bahn,sie ist durchgedreht.Ich wehrte mich und hatte immer den Gedanken im Hinterkopf:Warum kommt der Mann,wenn er frei herumläuft,im Gegensatz zu mir nicht in die Hölle?Schon in meiner Kindheit fragte ich meinen Vater oft,warum er und die anderen Männer kein Kopftuch tragen müssen.Es gab keine Antworten."

Zweimal-1975 und 1991-machte sie "den Kopf zu",verdeckte die Haare.Gerade 14 Jahre zählte sie,als sie zwangsverheiratet wurde.Mehdi war 20 Jahre älter.Seine Mutter hielt beim zukünftigen Schwiegervater um die Hand des Mädchens an.

Die Kindbraut blieb ungefragt.Sie schlug mit Fäusten auf den Vater ein.Und ihre Mutter weinte und traute sich sogar zu sagen,daß die Tochter noch zu jung zum Heiraten sei.Es half nichts.Leyla sagte ihrem frischgebackenen Ehemann,"daß ich seine Gefühle eher wie die eines Vaters zu seiner Tochter empfände.Da gab er sich Mühe,mich aufzuklären."Sie zogen nach Diyarbakir.Leyla an Mehdis Seite,Analphabetin,Fremde,überfordert.

Mehdi Zana:"Als ich Bürgermeister war,da paßte es nicht ins Protokoll der Bürokraten und der türkischen Regierung, daß ein Dorfmädchen ohne Ausbildung vorne an meiner Seite sitzt.Das ging nicht.Und das hat Leyla gekränkt.Aber sie hat sehr schnell gelernt."Und Leyla selbst meint über diese Zeit:"Er lebte in seiner Männerwelt.Ich war zu Hause,und wenn er abends kam,sprach er kaum mit mir über seine Aktivitäten.So ist das bei uns.Familienleben gibt es wenig,und wenn der Mann Politiker ist,dann schon gar nicht."

Der Militärputsch vom 12.September 1980 sorgte nicht nur für einen tiefen und schmerzhaften Einschnitt in die türkische und besonders in die kurdische Geschichte,er veränderte auch Millionen von Biografien dramatisch,darunter die der Familie Zana. 650.000 Menschen wurden verhaftet,auch Mehdi.Leyla:"Ich war gerade schwanger und erfuhr die Verhaftung aus der Zeitung.Am Anfang durfte ich ihn noch im Militärgefängnis besuchen,dann begannen sie mit der Folter."

Wie hätte sich Leyla entwickelt,wenn ihr Mann 1980 kurz nach dem Putsch auf der Flucht in Istanbul nicht gefangen worden wäre?Was wäre ,wenn...-wie hätte sich die junge Mutter dann entwickelt?Leyla erinnerte an ihre Wildheit und Ungezähmtheit von klein auf.Eine sich Wehrende,weil Denkende damals schon.Der Mensch ist nicht nur Produkt seiner Umgebung,sondern auch seines eigenen Wollens und Handelns.Und doch: Was wäre aus ihr geworden,wenn sie die bitteren Tage,Monate und Jahre des Terrors in den Städten und Knästen Kurdistans nicht erlebt hätte?Leylas und Mehdis Sohn Ronay war gerade fünf,sie ging schwanger mit Ruken,ihr Mann saß hinter Gittern.Sie stand vor Gefängnistoren an,mit Bekannten,Verwandten und Freunden,der Willkür unberechenbarer Wärter ausgeliefert,immer gefaßt auf neue Schikanen."Gerade gehen wir zum Besuch hinein,keine Minute ist vergangen,da schmeißen sie uns wieder hinaus."

Der Glaube an eine gottgegeben Herrschaft des Mannes bröckelte,und viele Frauen brachen auf-von der Ohnmacht zum Widerstand.Leyla Zanas Stationen waren dieselben wie die ihres Mannes,der den putschisten als aufmüpfiger Politiker längst ein Dorn im Auge war.Jetzt nahmen sie Rache.Leyla:"Frauen,die die Freiheit für sich beanspruchen, ihren Kindern die Muttersprache beizubringen,die die freie Artikulation der kurdischen Identität und Kultur unter demokratischen Bedingungen einfordern,werden als Terroristen bezeichnet und verfolgt.Bis heute sind es die Frauen,die am meisten leiden und Tränen vergießen müssen."

Wie eine Exilantin im eigenen Land folgte die junge Ehefrau Mehdi von Gefängnis zu Gefängnis:Diyarbakir,Eskisehir,Aydin.Sie stand in der Reihe,gedemütigt,beschimpft, lernte türkisch,um sich besser wehren zu können,machte Schulabschlüsse nach-lesen und schreiben vor Gefängnistoren.Autodidaktin,ausdauernd,bestand sie als erste Frau Diyarbakirs das Abitur nach Selbststudium.Sie wurde zur Sprecherin der vielen Wartenden und immer stärker zu einer Autorität.Zunächst im Fahrwasser des zu 30 Jahren verurteilten Angetrauten,doch immer gezwungen,"sellbst zu denken und selbst voranzugehen".Auf dem Weg von der Vergangenheit in eine unbekannte Zukunft.

"Die Entwicklung brachte es mit sich,daß die Menschen die Welt,ihre Lebensumstände, die Gesellschaft neu und grundsätzlich bewerteten.Es gibt nichts Wertvolleres und Bedeutenderes,als daß sich Menschen für die Durchbrechung von Dogmen aller Art,gegen das vorgeschriebene Leben in vorgeschriebenen Bahnen,einsetzen."

"Aber das geschah doch nicht von jetzt auf gleich...?"fragte ich die damals noch nicht inhaftierte Leyla.

"Sicher.Ich lebe seit 1975 in Diyarbakir-und erst 1984 gelang es,vieles aufzubrechen.Man kann nicht sagen,daß es plötzlich passierte.Es war ein Prozeß. Es ging Schritt für Schritt."

"In ganz Kurdistan oder nur in seinem türkischen Teil?"

"Wenn ich von Kurdistan rede,meine ich nur den türkisch besetzten Teil.Man kann nicht davon sprechen,daß in den anderen teilen die Frau eine derartige Rolle im Befreiungskampf übernommen hätte."

"Es gibt also große Unterschiede zwischen Kurdinnen im Irak,Iran,Syrien und der Türkei?"

"Der Befreiungskampf bei uns unterscheidet sich stark vom Widerstand in anderen teilen Kurdistans.Hier ist es gelungen,in kurzer Zeit den bewaffneten Guerillakampf in der Bevölkerung zu verankern.Das hat Bewußtseinsprozesse in Gang gebracht.Die kontinuierliche Entwicklung des Befreiungskampfes hat eine kontinuierliche Veränderung der Gesellschaft mit sich gebracht."

Frau trug wieder kurdisch,selbstbewußt,und kleidete sich manchmal gar in den verbotenen Nationalfarben.Im türkischen Parlament wurde ernsthaft eine Veränderung der Ampelfarben erwogen-statt rot,gelb,grün demnächst blau,gelb grün?Eine Mutter in Batman wurde verhaftet,weil sie auf dem Dach ihres Hauses rote,gelbe und grüne Wäsche aufgehängt hatte.Und in den Basaren des Landes bekamen Textilhändler Ärger,die Stoffe mit den drei Farben nebeneinander ausgelegt hatten.

 

Das Foto,auf dem Leylas rot-gelb-grünes Stirnband ihr weißes,hauchdünnes Kopftuch schmückte,stammt aus dem Wahlkampf 1991:Die junge Frau in blumengemustertem Kleid steht auf einem hohen Podest,links neben sich Fotografen und Kameraleute,rechts ein gläserner Krug mit kristallklarem Wasser.Energisch umfaßt sie ein Mikrophon.Ihre andere Hand spielt mit dem Kabel.Sie spricht zu einer vielköpfigen,unübershebar großen Menschenmenge,die enggedrängt auf einem Häuserumsäumten Platz zu ihr aufschaut.Um sie zu sehen,haben in luftiger Höhe einige hundert Menschen auf Dächern angrenzender Gebäude Platz gefunden.

Kurdische Männer hörten einer Frau zu.Geriet die Machogesellschaft ins wanken?Ein blick ins Publikum sagte:Nein.Keine einzige Frau zu entdecken.Die waren in den Häusern geblieben.Hatten die Männer Angst oder gemischte Gefühle,daß das Beispiel der Rednerin Vorbildwirkung haben und die eigenen Frauen aufmüpfig werden könnten? Oder war es die Erinnerung an blutig niedergeschlagene Demonstrationen der Vergangenheit, die Männer und Frauen gemeinsam zum ergebnis kommen ließen,daß einer bei den Kindern bleiben müsse,wobei-wie fast immer-nicht einer,sondern eine blieb?

"Mit der Entwicklung des Befreiungskampfes haben auch die Frauen schnelle Veränderungen durchgemacht.Die kurdische Frau hat für diese Entwicklung zu mehr Freiheit einen hohen Preis gezahlt.1990 setzte sich Kudret Filiz,eine Mutter von 48 Jahren,in Lice an die Spitze einer Volkserhebung.Sie wurde von einem Panzerwagen zermalmt.Solche Frauen sollten als Vorbilder dienen;sie haben durch ihr Opfer versucht,uns Mut zu geben und uns bewußter zu machen. "

Ein Wahlkampf voller Hoffnung in Nordwest-Kurdistan.Das 91er Jahr ging in sein letztes Drittel.Mehdi Zana war gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und unterstützte seine Frau,nutzte sein großes Ansehen als ein aufrechter Mensch,der schwerster Folter widerstanden hatte.

Leyla erzählt von der gemeinsamen Zeit nach dem Gefängnis:"Natürlich gab es zunächst viele Widersprüche,denn ich hatte mit ihm zusammen fünf Jahre gelebt und elf Jahre getrennt von ihm.In diesen fünf Jahren,in denen zwei Kinder geboren wurden,war er der Führer,der Bestimmende in der Familie.Aber inzwischen war es so geworden,daß ich mich alleine gut organisieren konnte...Er war nicht gegen den politischen Weg,den ich bei der HEP gegangen bin.Er selbst war ein Unabhängiger,hat sich aber bald auch für den Weg entschieden,den unser Volk gegangen ist.Ob ich jetzt die Starke in der Familie bin?Wir sind beide politische Menschen.Aber wir hatten nie ein enges Familienleben.Da ist jeder gleich stark."

Die Hoffnung auf bessere Zeiten war nach der Militärdiktatur und Özal-Herrschaft riesig,und die Rednerin umjubelt:Staatsfeindin Nummer eins und Volksheldin zugleich. 45.000 Plazierungsstimmen brachten sie nach ganz oben auf die Kandidatenliste und ins Parlament-als erste Kurdin der Geschichte.

Beim eid auf die kemalistische,unter der Militärjunta 1982 enstandene Verfassung erlebte sie zum ersten Mal in ihrem Leben,daß es tatsächlich vorteilhaft sein konnte, weiblichen Geschlechts zu sein.Die junge Abgeordnete und ihr Kollege Hatip Dicle ergänzten den herkömmlichen Schwur um ein Bekenntnis zur "türkisch-kurdischen Brüderlichkeit"-und zwar auf kurdisch,ihrer Sprache,die sie offiziell in diesem Staat Türkei nicht sprechen durften,der überall Spruchbänder aushängen läßt,wonach nur der glücklich sei,der sich Türke nennt,und nicht etwa Kurde.Also räumten die Volksvertreter das parlament auf.Dicle wurde mit Gewalt vom rednerpult vertrieben und bezog Prügel.Leyla brüllten sie lediglich nieder.Welch Glück,eine Frau zu sein...

Und:"Welch außerordentliche Kraft des Wortes!Ein an sich ziemlich banaler Text,in einer verbotenen Sprache gesprochen(ein "unverständliches Idiom"hieß es später im Sitzungsprotokoll),und die ganze vornehme Gesellschaft-gebildet, zivilisiert und selbstredend demokratisch-geriet außer sich."

Nunmehr sammelte die Abgeordnete im Parlament Erfahrungen in Sachen männlichem Verhalten.Die begannen in der eigenen Fraktion,als sie ein Kollege,"der an sich als demokratisch und fortschrittlich bekannt war",unterbrach"und verlangte,daß ich zuerst die Männer zu Wort kommen lassen sollte,ganz so,wie es nach unserer guten alten patriarchalischen Tradition üblich sei!Ich war fassungslos.Ich mußte ihm also ganz ruhig erklären,daß ich mit fast doppelt so vielen Stimmen wie er gewählt worden sei,daß die Wähler und Wählerinnen das getan hätten,damit ich rede..."Der Abgeordnete entschuldigte sich.Reflexe seien das,seit Generationen eingeübt."Seitdem hat in meiner Partei niemand mehr versucht,mir das Wort abzuschneiden,oder behauptet,daß Männer Vortritt haben sollten."

Es geschah das Gegenteil.nunmehr sollte sie immer als Erste sprechen,"und das wollte ich auch nicht.Ich wollte voll und ganz als menschliches Wesen betrachtet werden und mich mit den Männern auf gleicher Ebene austauschen können."Es habe eine Weile gedauert,erinnerte Leyla sich,bis sich ihre Parteifreunde auch in der Praxis"an das Konzept der Gleichberechtigung"gewöhnt hatten.Aber schließlich seine sie soweit gewesen.

Im parlament selbst gab es unter den insgesamt 450 Abgeordneten acht frauen,und auch hier entschied sich Frau Zana dafür,zunächst keine Unterschiede zwischen den geschlechtern machen zu wollen:"Ich betrachte die ganze Geschichte als Mensch und nicht aus Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht heraus.Zum parlament grundsätzlich:Es hat die Funktion,Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.Doch wenn man sich anschaut,wegen welcher Motive sich viele Abgeordnete aufstellen lassen,ist das erschreckend.Sie streben nichts als einen Status und den dazugehörigen Ruf an.Es sind keine Leute,die die jeweiligen Probleme und Sorgen der Gesellschaft etwa lösen können.Und doch wird behauptet,daß das türkische Parlament der Ort sein soll,an dem am freiesten Gedanken ausgetragen und diskutiert werden können,wo Lösungen für gesellschaftliche Probleme gesucht werden.Das genaue Gegenteil passiert.Wer seine Meinung frei äußert,wird entweder vom Rednerpult geholt oder sonstwie zum Schweigen gebracht-egal ob Mann oder Frau.Und deswegen gehe ich vom generellen Standpunkt aus und nicht von dem einer Frau."

Angesichts ihrer wenig ermutigenden Eindrücke und des geringen Einflusses Oppositioneller im türkischen Parlament stellte sich Leyla schnell die Frage,warum sie überhaupt noch ihr Mandat wahrnahm."Hauptpunkt sind die Menschenrechte. Menschenrechtsverletzungen in Kurdistan gehören zum Alltag.Die Armee genießt Imunität.Doch trotz Behinderungen und Einschränkungen überbringen wir von Zeit zu Zeit Berichte über die Lage und übergeben sie dem Ministerpräsidenten,obwohl er behauptet,daß das keine Rolle spielt."

Sie suchte neue Wege für die Nutzung ihrer Funktion als Abgeordnete:"Ich hatte im Parlament praktisch Redeverbot und fühlte mich dort zunehmend fehl am Platz.Die von der Regierung und von der Geheimpolizei kontrollierten Medien stellten mich als 'Seperatisten' dar,weigerten sich,meine Erklärungen zu veröffentlichen,und brachten für ihre Sensationszwecke verfälschte Bruchstücke.So beschloß ich schließlich,aus diesem Ghetto auszubrechen und die Mauer des Schweigens und der Desinformation niederzureißen,hinter der die Tragödie meines Volkes verborgen wurde.Ich wollte meine Stimme jenseits der Grenzen erheben und mich an westliche Medien und Politiker wenden.Wie ein Presseattachè führte ich Journalisten und Delegationen ausländischer Beobachter zu den zerstörten Dörfern und zu den gequälten und gepeinigten Familien.In einer Region,die völlig der Willkür des Militärs und dessen Hilfsgruppen ausgeliefert war, in der kurdische Demokraten von todesschwadronen ermordet wurden,waren die Abgeordneten durch ihre parlamentarische Immunität die einzigen,die eine solche Aufklärungsaktion durchführen konnten,und die Militärs fühlten sich davon erheblich gestört.Sie haßten mich wie die Pest."

Zwei Attentaten entging sie nur ganz knapp.Am 4.September 1993 wurde ihr Kollege Mehmet Sincar in Batman erschossen,als die Abgeordneten nach einer Beerdigung noch Händler besuchten.Leyla war zu erschöpft gewesen,um mitzugehen.Wenige Tage später wurde das Haus beschossen und angegriffen,in dem Leyla eigendlich schlafen sollte-sie war nur kurz in eine andere Wohnung gegangen,um Spätnachrichten zu sehen.

"Wenn ich anch Kurdistan fahre,gibt es auch für mich als Abgeordnete keine Sicherheit.Im Schlaf liegt mein Kopf auf dem Kissen,aber mit einem Ohr bin ich ständig an der Tür,immer in der Erwartung,daß es nachts oder gegen Morgen klopft,denn in Kurdistan gibt es keine Sicherheit.Für nichts und niemanden."

Mittlerwiele meldet sich Frau Zana-wenn irgendmöglich-aus dem Zentralgefängnis in Ankara zu Wort,wird immer stärker zur Anklägerin von Regierung und Armee,die "in vier Jahren mehr als 3.000 unserer Dörfer evakuiert und dem erdboden gleichgemacht, unsere Berge und Wälder verbrannt,drei Millionen Kurden in den Exodus,in die Obdachlosigkeit und in das Elend getrieben"haben-so Leyla Zana 1996 in ihrer Botschaft an Europa,als sie vom EU-Parlament mit dem "Sacharow-Preis für geistige Freiheit" ausgezeichnet wird.Sie stellt dem Preisverleiher einige unangenehme Fragen:Warum wird die Türkei von der EU trotz des Krieges im eigenen Land gestützt?"Kann man gleichzeitig dem repressivsten Regime Europas und seinen Opfern Genugtuung verschaffen?"

Als das Parlament anderthalb Jahre danach wieder einmal Freiheit für Leyla Zana und alle politischen Gefangenen fordert, fragt sie,ob denn die EU-Beschlüsse der Vergangenheit wirklich konsequent verfolgt wurden:"Wann wird Europa aufhören,bei Beziehungen zur Türkei Prioritäten auf die Ökonomie zu setzen? Wie kann erklärt werden, daß die Kurden verlassen in den Gefängnissen verrotten?"Bitterkeit über die Politik auch der Europäischen Union schwingen in ihren Fragen mit, als sie auf den "einseitigen Waffenstillstand der PKK ohne Vorbedingungen für Vehandlungen"eingeht und daran erinnert, daß die EU eben jenen als Voraussetzung für einen "Dialog zur Lösung der kurdischen Frage" gefordert hatte-am 13.Dezember 1995.Schon zwei Tage später hatte die Guerilla die Waffen schweigen lassen, doch antwortete die türkische Armee mit noch größerer Gewalt."Hat die EU den Waffenstillstand der PKK nicht genügend zur Kenntnis genommen?"Eine politische Lösung der kurdischen Frage sei nicht möglich, wenn die Guerilla diskriminiert werde, ließ Leyla Zana vor dem EU-Parlament erklären.

"Ich ertappe mich in letzter Zeit immer häufiger dabei,daß ich ins Träumen gerate.Manchmal bin ich dann frei wie ein Vogel in den bergen Kurdistans,manchmal in der Menschenmenge in Diyarbakir, mitten zwischen meinen Leuten, umgeben von ihrer Zuneigung und Wärme."Leylas Briefe aus dem Gefängnis handeln von der Hoffnung und Sehnsucht, die nie aufhört und vieleicht trotzdem nicht in Erfüllung gehen wird. Manchmal sehr persönlich gefaßt, unter die Haut gehend, befinden sie sich immer auf festem Fundament aus Analyse und persönlicher Erfahrung und unterwerfen ein "Projekt Zukunft", visionär vieleicht, aber möglich und dringend notwendig.

Ihrer Tochter Ruken schrieb sie:"Ich werde nie vergessen, wie du deine Augen aufmachtest und ich weinen musste.Denn ich war ganz allein in dem Zimmer der Entbindungsstation in Ankara...Hier war ich nun, 20 Jaahre alt, mit zwei kindern und ohne jemanden, der für mich sorgen könnte.Nach einigen Minuten habe ich aufgehört zu weinen und habe mich dafür geschämt.Ich würde mich nicht unterkriegen lassen..."

Ruken ist längst älter als Leyla zu der Zeit ihrer erzwungenen Hochzeit.Die Tochter soll einst frei entscheiden können,wann und wen sie heiraten will,schwor ihre Mutter bei Rukens Geburt.So wird es sicher sein.Die Zeiten der Unterdrückung aber dauern an.

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